„Windbeuteltraining" Ostsee Frühling 2006

 

 

Besatzung:Lutz Böhmer (Skipper),

Sabine Böhmer,

Christian Wöhrer (Trainer),

Andreas Kantor,

Heinrich Roddewig,

Gerhard Fiedler,

Thomas Baum (Coskipper und Autor).

 

Route und Seemeilen der Lone Star :

Von Heiligenhafen nach Marstal - Ärösköbing - Bagenkop - Heiligenhafen - Großenbrode - Heiligenhafen

Zusammen 144 sm

 

 

 

 

 

 

Samstag Heiligenhafen 20.05.06 2:30h

 

Wir sind nach einer flotten Autofahrt gut in Heiligenhafen angekommen

und nehmen das Nötigste aus dem Auto mit an Bord der Lone Star.

Wir -- Gerhard und Thomas – sind noch am Freitag Abend kurz vor 20h in Altdorf mit Heinrichs flottem BMW losgefahren. Auf dem Schiff erwarten uns die Böhmers und Christian Wöhrer, unser Segeltrainer für die Segelwoche.

Sie sind vor uns die gleiche Strecke gefahren und warten schon seit 0:30h

mit diversen Bieren darauf, dass wir endlich eintreffen.

Jetzt fehlt nur noch Heinrich, der morgen früh am Hamburger Flughafen

von seiner Südafrikareise zurückkommt.

Ein Anleger-Ramazotti muss zur Begrüßung herhalten bevor wir uns gleich

in die Kojen legen.

In der Nacht hatte Lutz bei einem Nachbarschiff einen kaputten Festmacher entdeckt, der beidseitig der Festmacherklampe am Steg durchtrennt war.

Am nächsten Morgen ist die Aufregung am Steg groß als wir um etwa 9:00h aus den Löchern kommen, denn offensichtlich haben Randalierer einige Leinen gekappt und ein Schiff komplett verwüstet. Vielleicht waren es Betrunkene aus dem Bierzelt des Hafenfestes?

Zum Glück ist die Lone Star nicht betroffen...Wir sind alle etwas übernächtigt, machen uns aber gleich an die Arbeit.

Andreas ist inzwischen auch an Bord gekommen, denn er hat bei seiner Renate in Heiligenhafen übernachtet. Sabine und ich fahren zum Einkaufen, der Rest der Mannschaft klart das Schiff auf und holt die Segel an Bord.

 


Ankunft und erste Eindrücke

Das vormittäglich schöne Wetter zieht am Nachmittag wieder zu und als wir uns endlich auf dem Vorschiff zur Spinnaker-Theorie-Stunde versammelt haben, fängt es leicht an zu nieseln. Trotzdem sind wir geduldige Schüler und lauschen dem Meister Christian bei seinen Ausführungen.

Er fängt moderat damit an, dass man für das Spi-Segeln einen Baum braucht. Die Lone Star hat natürlich davon gleich zwei Stück, damit es nicht zu einfach wird. Das Baby-Stag verhindert das Shiften mit einem einzigen Baum.

 

Das kann ich mir ja noch vorstellen. Auch die Höheneinstellung des Einhakepunktes am Mast ist natürlich vom Spinnaker und vom Wind abhängig – klar. Aber als Christian die beiden Doppelschoten mit roter und grüner Seite anschlägt, schwindet meine Vorstellungskraft, da ich sowas noch nie in Realität gesehen habe.

Christian erklärt, wie man den Spinnaker setzt, wieder unter der Fock birgt und wie man shiftet. Seine Ausführungen machen deutlich, dass Seesegeln eine Mannschaftssportart ist: Zwei Mann achtern an den beiden Schoten und dem Niederhalter an backbord und an steuerbord, zwei Mann am Spi-Baum und am Lift (Topnant) und ein Mann ist im Bug zum Einpicken des Spi-Baums. Und das Ruder will ja auch noch betätigt werden.

 

Wir spielen es durch und haben dabei momentan aber natürlich keine Fock gesetzt. Wie sieht das alles mit gesetzter Fock aus?

Zum Glück fängt es dann richtig an zu regnen und Christian nimmt Abstand von einer Leistungskontrolle in der Theorie. Bei einem Kaffee mit Kastenkuchen diskutieren wir Männer die Möglichkeiten des Spi-Segelns, driften aber immer wieder – aprospos und apriori – in diverse Erzählungen und Andreas-Witze ab.

Sabine versucht unterdessen erfolglos, beim Hafenmeister ein WLAN-Voucher zu bekommen, weil sie die aktuellen Regatta-Ergebnisse ins Internet stellen will.

Heute ist Hafenfest, was für uns bedeutet, dass nicht gekocht werden muss und wir Bierzeltatmosphäre mit Backfisch oder Dorsch genießen können. Gerhard bekommt Schweinescholle, weil er keinen Fisch verträgt.

 

Wir sind im Festzelt unter die Riegen der Angler geraten und müssen nach einer Stunde guter Rock’n Roll Musik eine Fischer/Angler Siegerehrung über uns ergehen lassen. Wir sind guter Hoffnung, dass die Live-Musik weiter gespielt wird. Aber eine Ehrung jagt die nächste, die Angler gröhlen vor Vergnügen und wir wissen gar nicht warum die sich so freuen. Endlich passiert wieder etwas auf der Bühne und die Musik legt wieder los mit ein paar Klassikern aus der Popmusik.

Christian hat als Ober - Bayer deutlich Probleme mit den kleinen Biergläsern (viertel Liter Gläschen), denn sein Glas ist immer als erstes wieder leer. Wir sind deshalb schon bei der sechsten Runde Bier und wippen im Takt auf unserer Bierbank. Dabei werden wir diverse Male fotografiert und erwarten, dass wir auf der Angler-Homepage zu sehen sein werden.

Beim Verlassen des Zeltes lassen wir zwei schöne Serviertabletts mitgehen.

Lutz trägt seines am Rücken unter seiner Jacke und ich am Bauch. Er sieht dabei wesentlich eleganter aus als ich. Auf dem Rundweg durch den Hafen streifen wir noch ein kleineres Zelt mit DJ-Musik, in dem keine Angler vertreten sind.

Wir kapern gleich einen Stehtisch neben der Tanzfläche. Die nächste Runde Bier steht auch gleich auf dem Tisch und wir prosten uns im Takt der Musik zu.

Diese ist hier zwar sehr gemischt – die Auswahl reicht bis zum Heidi-Lied –

aber die Stimmung ist gemütlicher und nicht so fischbetont.

 

Mir wird es bald vom Schunkeln warm und ich fange als erster an, das schöne blaue Crew-Shirt aus den Pullovern herauszuarbeiten. Lutz verbindet damit einen Bauchtanz und Andreas zeigt den Bauch so wie er ist.

Als es dann endlich mit südamerikanischen Rhythmen los geht und das Tanzen am schönsten ist, werde ich von Sabine wieder angezogen und aus dem Zelt geschoben. An Bord gibt es noch einen Absacker bei diversen feinen und unfeinen Witzen und Gerhard muss noch seine Einschlafdosis Sherry bekommen. Wir sind uns alle einig, dass Heinrich heute etwas verpasst hat.

 

Anmerkung der Redaktion:

Leider gibt es von dem Hafenfest keine Bilder. Man hatte großartige Bilder über die Homepe angekündigt. - Hat leider nicht geklappt.

 

 

 

 

 

 

 

Sonntag Heiligenhafen – Marstal 21.05.06 6:00h

 

 

Andreas ist heute an allem schuld!

Ich habe den 5:30h Weckruf etwas verschlafen, rolle mich nun aus dem Schlafsack und sause mit einer Flasche Wasser und ein paar Bonbons bewaffnet zum Auto, um zum Hamburger Flughafen zu fahren und Heinrich abzuholen. Auf der Fahrt hat es böigen Westwind und ein paar kräftige Schauer entladen sich über der Straße. Trotzdem schaffe ich es gut zum Flughafen und stehe um 8:05h am Terminal 2 um Heinrich in Empfang zu nehmen.

Die Ankunft wird prompt dem Skipper gemeldet, damit die Brötchen an Bord geschmiert werden können. Heinrich ist von seinem Flug von Südafrika über Nacht total übernächtigt und schläft noch ein Stündchen auf der Rückfahrt nach Heiligenhafen.

Als wir um 10:05 an Bord der Lone Star kommen, findet die Begrüßung an Deck statt, denn alle sind schon aufbruchbereit. Ich steige herunter in den Salon und bemerke erst jetzt, dass der Diesel bereits läuft.

Im Cockpit habe ich das Tuckern gar nicht gehört.

Der letzte Toilettengang wird vom Skipper gestrichen und – als auch Gerhard an Bord ist – legen wir augenblicklich ab, damit wir möglichst früh loskommen. Da für heute guter Wind angesagt ist – WNW 5-6 – wird die Fock 2 und das Groß mit dem zweiten Reff gesetzt. Das Reff binden wir im Hafenbecken ein und haben das Großsegel gesetzt, während wir das Fahrwasser hinausschippern.Draußen auf See schlagen wir direkt Kurs 310-320° ein und steuern somit hart am Wind geradewegs auf Marstal zu.

Die gewählte Segelfläche passt wunderbar zu diesem Wind, der auch manchmal Böen bis zu 8 Windstärken hat. Dabei fahren wir Spitzengeschwindigkeiten bis zu 8 Knoten. Die See wird etwas stärker mit der Zeit, denn es hat zwischendurch Wellenberge von 1,5 bis 2m Höhe. Das Steuern macht besonders Spaß, da man immer zu tun hat, die Wellen mit etwas Gegenlenken auszugleichen. Trotz dieses Seegang und der Windstärken liegt die Lone Star gutmütig und gut steuerbar im Wasser, als ob nichts besonderes los wäre. Ein sehr beruhigendes Gefühl.

Wir legen fest, dass an jedem Tag eine Person ausgelost wird, die an allen Manöverfehlern schuld ist. Damit im Falle eines Falles gar nicht erst eine Diskussion aufkommt. Heute ist es gleich der Andreas.

Uns allen wird es mit der Zeit etwas frisch im stetigen Wind, obwohl wir gut angezogen sind. Unser Trainer beanstandet beim Skipper immer wieder, er habe doch einen Törn mit 22°C, 4er Wind, kurzen Hosen, T-Shirt und Piz Buin gebucht!

 

Wir fahren den gleichen Kurs für viele Stunden und ich lege mich später in den Salon um ein wenig Schlaf nachzuholen. Als ich wieder aufwache, habe ich ein seltsames Gefühl im Magen und ich bin mir nicht sicher, ob es von der Schaukelei oder meinem leeren Magen kommt. Ich setze mich an den Kartentisch um wieder wach zu werden. Heinrich hat einen schwarzen Tee mit einem Teebeutel pro Tasse gekocht, den er in akrobatischer Körperkunst bei 30° Krängung und 2m Seegang in die Tassen abfüllt.

Nachdem ich den Tee getrunken habe, ist mir endgültig mulmig und ich muss an Deck, um Luft zu schnappen. Da ich käseweiß aussehe, schickt mich der Skipper sofort ans Ruder zur Ablenkung. Schlagartig geht es mir wieder gut. Es macht riesigen Spaß, das Schiff durch die Wellen zu steuern und den Wind in den Segeln zu spüren.

Weil es doch manchmal vorkommt, dass einer von uns eine Kurzwäsche von vorne bekommt, sind wir alle etwas ausgekühlt und freuen uns schon auf den Anleger. „Eine Stunde noch“ meint der Skipper als wir schon weit an Bagenkop vorbeigesegelt sind, aber es zieht sich noch bis etwa 17:00h hin, bis wir die Ansteuerungstonne von Marstal erreichen.

Hier ist der Seegang nicht mehr so stark, aber trotzdem wird es Sabine noch einmal richtig schlecht, so dass sie nach Lee ausreiten muss. Ich denke es fehlte uns allen eine kleine Zwischenmalzeit am Mittag, denn die Überfahrt war auch körperlich anstrengend.

Hinein in den Hafen steuere ich und wir wollen in eine Box am Steg Nummer 8. Wir biegen in die Boxengasse ein und ich steuere auf eine breite Box an steuerbord zu. Ich schaffe die enge Kurve gut, obwohl ich Bedenken habe, den Pfahl am Bug mitzunehmen, vergesse aber, am Pfahl entlang zufahren, damit der Festmacher übergelegt werden kann. Dafür erwischen wir den Leepfahl und beschließen, uns in eine Box weiter leewärts zu verholen. Das klappt gut und wir sind fest.

 

Das Wetter klart auf und nach dem Anleger ist es fast Windstill im Hafen, als ob jemand den großen Lüfter abgeschaltet hätte. Sabine und Christian kochen das Abendessen und wir sitzen später noch im Salon bei Köpi und Flens zusammen, sind aber ziemlich platt vom ersten Segeltag und gehen bald schlafen.

 

 

 

 

 

 

 

Montag Marstal – Ärösköbing 22.05.06 5:30h

 

Christian ist heute schuld.

Ich wache auf, weil die Schlüssel über meinem Kopf zu klopfen beginnen, denn die Lone Star schwankt von einem kurzwelligen Schwell, der im Hafen liegt. Der Wind pfeift durch die Wanten und kommt direkt von achtern. Ich ziehe meine Hose an und steige kurz an Deck, um zu sehen, ob wir noch fest liegen. Unsere Achterleinen und die Achterspring sind noch gut fest.

Ich tauche wieder in meinen Schlafsack ein und klemme die Schlüssel über mir fest. Alle anderen schlafen noch oder drehen sich zum Teil schnorchelnd noch einmal herum.

Um 8:00h wache ich von einem Getrappel und Gekrusche auf und rutsche noch einmal tiefer in meinen Sack hinein. Ich brauche noch eine Zeit lang, bis ich die Duschsachen zusammengesammelt habe und muss dann auf halbem Weg zum Waschraum nochmals zurücklaufen um die 5-Kronenmünze für die Dusche zu holen. Dann tut die heiße Dusche aber gut und ich wache endlich auf.

Das Frühstück ist schon bereitet und ich kann mich gleich hinsetzen. Andreas steht im Salon und hält zwei Brotkörbchen in den Händen und weiß nicht, wohin damit. Er erzählt den Aprospos-Witz vom Grafen und dem Diener, der den Kerzenständer hält...

Heute wird gelost, dass Christian an allem Schuld ist. Mit einer solchen Lastverteilung über die Woche sind Manöverfehler leichter zu verkraften!

Als wir mit dem Frühstücken fertig sind, wundern wir uns über die heftigen Wind und Wellengeräusche. Sabine geht an Deck und holt uns sofort nach. Wir stehen im Cockpit und staunen über den Schwell im Hafen und die Windböen, die bis etwa 8 Windstärken über uns hinwegfegen. Wir legen noch eine weitere Spring an steuerbord und fühlen uns so etwas sicherer. Ein Nachbar hat römisch Katholisch angelegt und liegt nun direkt mit dem Heck bündig am Steg, weil die Vorleinen lose sind.

 

Also ist heute Museumstag, weil wir bei diesem Wind nicht auslaufen wollen. Der Wetterbericht hat eigentlich für heute Windstärke 4-5 angesagt, jedoch für Dienstag Vormittag 7-8 und zeitweise starke Sturmböen. Wir machen uns schön für den Landgang aber Sabine übertrifft uns alle in ihrer eleganten, weißen Hose. Das Museum ist immer wieder sehenswert, obwohl es fast alle schon kennen. Es faszinieren mich vor allem die Segelschiffsmodelle mit den vielen filigranen Leinen und Hölzern.

Da das Herumgucken und Staunen hungrig macht, erforschen wir nach dem Museumsbesuch den ganzen Ort nach einer Imbissbude, wo es Würstchen gibt. An der Haupt-Einkaufspassage kommen wir in einer kleinen Bude vorbei, wo wir Pölser mit Pommes erwerben können. Wir verspeisen alles bis zu den letzten Pommesstengeln, die Gerhard auf seinem Pölser-Pommes-Sonderteller liegen lässt.

 

Auf dem Rückweg zum Hafen schaffe ich es nur mit großer Überwindung, an einer Bäckerei vorbeizugehen, ohne dort etwas süßes zu erwerben. Prompt gehen Sabine und Christian hinein und kaufen sich eine leckere Torte. So eine seelische Grausamkeit.

Bei der Rückkehr zur Lone Star trifft uns der Schlag. Die Bugklüse an steuerbord, über die der Festmacher gelegt war, ist mit samt der Messingleiste ausgebrochen und selbst im Hafenbecken für immer verschwunden. Das Holz ist zum Teil abgesplittert und hängt nur noch an der Leiste und schaukelt im Wind. Wir drehen die herausstehenden Holzschrauben noch ganz heraus und retten, was zu retten ist. Einen zweiten Festmacher legen wir über die Ankerwinsch. Der seitliche Winddruck war wohl zu groß. Die Annahme, dass die Nachbarn den Schaden beim Herausfahren verursacht haben könnten, ist rein hypothetisch.

 

Beim Kaffeetrinken hören wir den Wetterbericht und beschließen, heute noch nach Ärösköbing überzusetzen, damit wir die morgige Sturmsituation dort sicherer abwarten können. Der Wind lässt um 14:30h schon etwas nach und wir machen uns fertig zum Ablegen. Wir sehen, wie die Nachbarn beim Herausfahren aus der Box gegen den Wind kämpfen. Christian schlägt deshalb vor (er ist heute an allem Schuld), dass wir vom 9er Steg in Luv eine lange Leine mit einem Fender zu uns treiben lassen. Mit dieser Leine können wir uns sicher aus der Box verholen. Es dauert jedoch etwa eine Stunde, bis der Fender nach etlichen Versuchen mit unterschiedlich starken Leinen vom Steg zum Heck der Lone Star treibt. Mit der dünnsten Leine klappt das Ganze dann und wir ziehen zwei aneinandergebundene Festmacher zum Steg Nummer 9.

Als wir dann das Ablegemanöver starten, hat der Wind schon soweit nachgelassen, dass wir eigentlich einfach herausfahren könnten. Aber nun ist die Leine gelegt und wir ziehen das Verholmanöver zum Steg in Luv durch. Dort müssen wir kurz noch einmal längsseits festmachen, um die lange Leine zu lösen und können dann ganz bequem ablegen. Das Manöver fand bei einem netten 3er Wind statt und die Sonne hat uns dabei zugesehen.

 

Trotzdem ist das Wetter noch sehr wechselhaft und es ziehen mehrere Gewitterwolken vom Westen heran. Als wir dem Fahrwasser in Richtung Nord folgen, hoffen wir, dass es uns nicht erwischt. Zunächst ist es eine einzelne große Wolke, die heranzieht und sich bedrohlich über uns hinwegschiebt. Mit einem gewaltigen Donnerschlag entlädt sie sich etwa 200m neben uns und wir erschrecken ziemlich. Hoffentlich zieht unser Mast nicht einen Blitz an!

Die Wolke passiert uns mit einem kurzen Schauer und es kommt das nächste Wetter auf uns zu. Dieses überrollt uns mit einer Regenwand, so dass wir bald von allen Seiten – vorne, seitlich, hinten – nur noch Wasser sehen. Heinrich ist am Ruder und kann kaum nach vorne sehen, weil der Regen vom starken Wind in sein Gesicht geschlagen wird. Der Wind hat nach Westen gedreht und kommt nun platt von vorne. Ich stelle mich zu Heinrichs Schutze direkt vor ihn. Wir hangeln uns von Tonne zu Tonne und Sabine hakt im Schutze der Sprayhood die Tonnen auf der Karte ab.

 

Meine Segelausrüstung ist gut dicht aber ich hätte nur rechtzeitig meine Gummistiefel anziehen sollen. Als es am stärksten herunterkommt, stehen wir im Graupelschauer und können die nächste Tonne gar nicht mehr erkennen. Die Kompassnavigation klappt aber zuverlässig, da Sabine immer den Kurs und die Entfernung zur nächsten Tonne vorgibt und wir uns so im Dunst durchkämpfen können.

In der Ansteuerung auf Ärösköbing klart das Wetter wieder auf und wir können bei Sonnenschein und Windstille längsseits im Hafen anlegen. Dort ist es fast leer und wir legen wieder am hinteren Ende des Hafenbeckens an. Als wir die nassen Segelklamotten ausziehen, frage ich mich, ob wir das Wetter nur geträumt haben. Aber zum Beweis der Realität habe ich nun völlig nasse Schuhe.

Ich leere die Schuhe aus und hänge sie zum trocknen auf, um gleich die Gummistiefel mit den warmen Fleecesocken anzuziehen. Schön warm für die Füße. Leider werde ich die Stiefel noch drei Tage lang tragen dürfen, bis die Segelschuhe wieder trocken sind.

 

Den Anleger bekomme ich noch mit, mache mich dann aber gleich ans Kartoffelschälen für die Kartoffelsuppe, die ich heute zubereiten werde. Ich bekomme aber Hilfe und so sitzen wir zu viert und schnipseln das Gemüse. Für das Zwiebelschneiden bin ich gut gerüstet, denn ich habe meine Schwimmbrille dabei. Nach so einem kalten Wetter muss die Suppe mit Würstchen einfach gut schmecken!

 

 

 

Während der Vorbereitungen findet im Cockpit ein besonderes Saufgelage statt. Sabine übt die Kunst im zweiglasigen Trinken und Gerhard setzt die Köpi-Flasche nur ab, wenn er einen Sherry bekommen kann.

Gerhard hat damit seinen Namen weg: „Sherry-Opa“. Die Zubereitung der Suppe dauert eine Stunde -- eine lange Zeit für hungrige Mägen...

Ich mache nach dem Essen noch einen Spaziergang, um auf einer Bank mit Blick auf das Meer meine Notizen zu machen. Ich scheitere aber bald daran, dass ich nichts mehr lesen kann, was ich da schreibe.

Zurück an Bord fließt schon wieder Rotwein und es beginnt moderat an zu regnen. Heinrich erzählt eine Grovian-Geschichte und Andreas streut – aprospos – einen Witz ein...

Um 0:30 regnet es nicht mehr und es ist relativ still. Wann kommt denn der Wind, der morgen Vormittag die starken Sturmböen bringen soll?

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag Ärösköbing 23.05.06 7:00h

 

Christian ist heute noch einmal schuld

Heute früh muss es etwas schneller gehen, denn wir wollen mit der Fähre um 8:55h nach Svendborg fahren, um dort Sight-Seeing, Internet-Exploring und Shopping-Event erleben zu können. Das Duschen fällt für mich heute aus, denn jemand gibt mir die Anweisung, den Kaffee fertig zu machen. Dieser tut mir sehr gut, denn ich schlafe noch fast im Stehen.

Der Wind sieht zunächst aus dem Hafen heraus gesehen gar nicht so stark aus. Als wir jedoch auf der Fahrt nach Svendborg aus der Fähre nach achtern sehen, können wir deutlich die Schaumkronen auf den Wellen erkennen.

Wir fahren mit unserer 7-köpfigen Crew bereits mit dem Gruppentarif (110€ hin und zurück) und haben in den Liegesesseln am Heck Platz genommen. Man sitzt durch die großen (und etwas dreckigen) Glasscheiben von der Außenwelt abgeschottet und kann das stürmische Wetter und ein paar einzelne Regatta-Segler aus dem Trockenen beobachten. Wir verfolgen den Zickzack-Kurs bis zur Svendborgsund-Brücke und in den Hafen hinein. Die Fahrt dauert 70 Minuten. Heinrich hat sich eine Banane mitgebracht, damit er die lange Fahrt gut übersteht. Damit hat auch er einen neuen Namen: „Bananen-Heinrich“

 

 

In Svendborg angekommen, sehen wir uns kurz den Stadthafen an und wo man mit einer Segelyacht anlegen kann. Dann haben wir aber das wichtige Ziel: Die Stadtbibliothek, in der sich ein Internet-Computer befindet, den Sabine für den Austausch von Regattaergebnissen und diversen E-Mails dringend benötigt. Heinrich und Gerhard besuchen inzwischen ein Kinderkunst-Museum. Sie bewundern dabei, wie viel Aufwand hier für Kinderförderung getrieben wird.

Auf dem Rückweg laufen wir durch die Einkaufspassage und sehen an jeder Ecke verkleidete Mädels und Jungs: Engelchen, Biene Maja, Pipi Langstrumpf und Teufelchen im Teenie-Alter. Wir erwägen, heute abend hier zu bleiben, weil es hier vielleicht auch ein Bierzelt mit Tanz gibt.

In einem Supermarkt kaufen wir Fleisch und Holzkohle zum Grillen und für Heinrich ein Sechserpack alkoholfreies Bier. Er wirkt mit dem Bier unter dem Arm eher wie ein Penner als wie ein engagierter Segler! Andreas und ich tragen jeder einen Sack Grillkohle und sind deshalb die „Männer mit der großen Kohle“.

 

 

 

 

Wir kaufen uns am Hafen geräucherten Fisch auf die Faust, den wir mit ein paar Brötchen in der Wartehalle des Fährbetriebes verspeisen. Ein Penner, der dort auch in der Halle sitzt (also nicht der Heinrich!) verzieht sich bald, als wir den Fisch auspacken. Er kann wohl den Fischgeruch nicht ab? Übrigens hat Gerhard schon wieder eine Extrawurst vom Pölzerstand bekommen...

 

 

 

 

 

 

Auf der Rückfahrt nach Ärösköbing genehmigen wir uns ein Bierchen und halten dann ein Nickerchen, denn die Seefahrt ist anstrengend!

 

 

Wieder an Bord der Lone Star machen manche eine Denkpause, andere noch einen Spaziergang zum Badestrand von Ärösköbing mit den vielen kleinen Umkleidehäuschen. Ich bleibe an Bord, mache Logbuch-Eintragungen und notiere den nächsten Wetterbericht. Um 18:00h etwa wird das Feuer im Grillhäuschen von Andreas und Lutz angeheizt. Ich drehe noch eine kleine Spazierrunde an der Hafenmole entlang und bin hocherfreut, dass der Tisch zum Abendessen bereits gedeckt ist, als ich zurückkomme.

 

 

In der Messe direkt neben der Lone Star stehen Grilltische, die nun häuslich angerichtet sind. Als wir uns mit den Fleischtellern vor uns und den Biergläsern in der Hand zuprosten, kommt wieder der übliche Spruch: „Wenn es uns mal schlecht geht, so soll es uns wenigstens so gehen, wie jetzt! Prost!“

 

 

Nach dem Abwaschen wollen wir noch ein wenig Segeltraining machen und Christian hält somit noch einmal eine praktische Spinnaker-Theorie-Stunde auf dem Vorschiff ab: Spibaum und Schoten anschlagen. Das Shiften wird durchgespielt. Es werden Fragen beantwortet und Rollen verteilt. Vielleicht haben wir ja morgen Vormittag Gelegenheit, das Ganze in der Praxis durchzuspielen.

Bei einer großen Tüte Chips und viel Rotwein sehen wir uns die bereits geschossenen Bilder auf Sabines PC an. Heinrich hat schärfste Bedenken, wir könnten beim kopieren seiner Bilder von der Speicherkarte seine Südafrika-Bilder zerstören und will im Falle des Falles eine neue Reise spendiert haben. Gerhard ist alles egal, solange er einen Sherry in der Hand hält.

Draußen pfeift der Wind schon wieder durch die Takelage...

 

 

 

Mittwoch Ärösköbing – Bagenkop 24.05.06 6:00h

 

Thomas ist heute schuld.

Ich wache auf, weil die durch präsenile Bettflucht getriebenen Crewmitglieder schon den Tag anbrechen lassen. Ich drehe mich noch einmal herum, denke aber daran, dass Christian mich gestern aufgefordert hat, zum Duschen zu gehen und frische Unterhosen anzuziehen. Denn bei Spinnakermanövern mit Windstärken von über 5 werden danach die Unterhosen kontrolliert!

Ich wage den Gang zum Bad mit Sabine und unserer einzigen Badeautomatenkarte. Sabine macht eine Schnellwäsche (wirklich schnell! Ob das wohl ausreichend war?) und überlässt die Karte dann mir. Als ich fertig bin, bekommt Gerhard die Karte, die er dann erst wieder in Bagenkop in seiner Trainingshose wiederfinden wird.

Wir sind froher Hoffnung, dass heute Vormittag eventuell der Wind passen wird, um unser Praxistraining durchführen zu können. Ich fahre um 10:00h das Ablegenmanöver und wir setzen an der Ansteuerungstonne die Segel. Die Wetterlage außerhalb des Hafens sieht nicht mehr so nach Spinnakersegeln aus, denn es sind schon wieder 6 Windstärken mit der Tendenz zu höheren Werten.

 

 

 

Also entscheidet der Skipper, dass wir heute nach Bagenkop (Es heißt übrigens Bäängkop!) übersetzen, um am Donnerstag nach Heiligenhafen zurückzukehren. Dort können wir am Freitag bei weniger Wind das Praxistraining planen.

Die Fahrt durch das schmale Fahrwasser zwischen Ärösköbing und Martal wird bei 5-7 Windstärken eine spannende Angelegenheit. Gerhard ist am Ruder und der Skipper ermahnt immer wieder, die Abdrift bei der Ansteuerung der nächsten Tonne zu beachten. Leicht fährt man hier eine Hundekurve, wenn man das Kielwasser nicht beobachtet. An zwei Stellen müssen wir mit dem Motor nachhelfen, da der Kurs zu steil gegen den Wind ist.

 

 

 

Vor Marstal binden wir das dritte Reff ein, damit wir für die Strecke nach Bagenkop gerüstet sind, wenn wir aus der Abdeckung von Ärö herauskommen. Kaum ist das der Fall, setzt der Seegang mit ca. 1,5m ein, aber die Lone Star liegt problemlos im Wasser und fährt am Wind wie auf Schienen in Richtung Bagenkop.

Die Sonne schaut oft zwischen den Wolken hindurch und es sieht fast so aus, als ob man die Sonnencreme brauchen könnte. Heute habe ich wieder meine Gummistiefel und natürlich die ganze Montur an und bin auf das allerletzte vorbereitet, aber alle Regenwolken ziehen an uns vorbei.

 

 

 

Um 13:30h laufen wir in Bagenkop ein, holen im Hafenvorbecken die Segel ein und legen unter heftiger Diskussion längsseits auf der linken Seite des Hafens an. Da wir früh dran sind, können wir im Laufe des Nachmittags zahlreiche Varianten von Anlegemanövern beobachten. Sie reichen von elegant über vorsichtig und flott bis hin zu Krach-Bumm.

Mächtig hungrig machen wir uns um 14:00h auf den Weg zur Pölserbude und stellen fest, dass diese und auch die Pizzabude geschlossen hat. An Bord bereitet Sabine dann Tomaten mit Mozarella und wir halten uns mit dem Anleger ein wenig zurück, weil der Wind ja vielleicht noch abflauen könnte und wir dann am Abend ein Spi-Manöver fahren könnten. Aber diese Sparsamkeit hat sich leider nicht gelohnt. Immer wieder ziehen neue Regen- und Gewitterwolken von Westen auf und bringen Wind und Regen. Das Thema Spinnaker bleibt Theorie.

 

 

 

Nach der Vesper ist eine Ruhepause angesagt, die dann elegant durch das Abendessen mit Nudeln und Gulasch abgebrochen wird. Da es draußen schon wieder regnet, legen wir einen Videoabend ein und sehen uns den Film „Wind“ an, der vom Amerika Cup handelt und den einen oder anderen Spinnaker zeigt. Also Theorie die Dritte!

Der Film ist ein besonderes Multimedia-Ereigbnis, denn zur Verstärkung des filmischen Eindruckes pfeift der Wind über uns und die Lone Star schaukelt zu den Bildern. Die Show dauert 2 Stunden ohne Werbepausen und wir stürzen danach alle zum Toilettenhäuschen, denn keiner ist gewohnt einen so langen Film ohne Pause anzugucken.

Wieder zurück stellen wir fest, dass am gleichen Steg gegenüber eine riesige Yacht mit dem Namen „Joy“ festgemacht hat, die etwa doppelt so lang ist, wie unsere Lone Star. Wie kann man nur eine so große Yacht in den Häfen unterbringen?

Alle liegen jetzt in den Kojen und schnorcheln so vor sich hin, der Wind pfeifft mit 6 Windstärken um den Mast und ich schreibe meinen Bericht. Die Fallen klappern am Mast und ich gehe in der Unterhose und im T-Shirt an Deck um sie ein wenig zu bändigen. Wieder im Salon, habe ich einen kalten Hintern und die Klapperfrequenz hat sich geändert, aber das Geräusch ist nicht weniger geworden. Aber jetzt bin ich zu müde, um nochmals in die Kälte hinauszugehen. Soll doch der Wind ein wenig nachlassen...

 

 

 

 

 




 

 

 

Donnerstag Bagenkop – Heiligenhafen 25.05.06 7:00h

 

Heute ist Heinrich schuld.

Das Wetter ist heute morgen sonnig mit gutem Wind aus SW, der kräftig durch den Hafen düst und ein mächtiges Pfeiff-Konzert erzeugt. Die große Yacht gegenüber stammt wohl vom Yachtclub Kiel und auf ihren Fendern ist die Aufschrift „IGM“ oder „Petersen“ zu lesen. Ob das bei der Arbeiterklasse gut ankommt?

Die Waschräume sind in Bagenkop seltsam, denn Bad, Dusche und Toilette werden mit einer Türe verschlossen, so dass eine Person immer gleich alles blockiert. Ausserdem sind Männchen und Weibchen nicht getrennt und es gibt nur zwei Räume in diesem kleinen Haus. Wäre Luxus, wenn davon zehn Räume zur Verfügung stünden.

 

 

Ich mache also Katzenwäsche mit Andreas zusammen und wir können gleich Frühstücken als wir zurückkommen. Heute wird es wohl wieder nichts mit Spinnakern aber wir freuen uns alle, bei diesem schönen Wetter hinausfahren zu können.

Wir legen um 10:00h ab und setzen noch im Hafen das Groß im dritten Reff und die Fock Nummer 3, weil es vielleicht doch eine unruhige Überfahrt nach Heiligenhafen geben wird. Der Seegang hat wieder ca. 1,5m und der Wind zwischen 5 bis 7 Windstärken. Die Lone Star läuft auch mit dieser minimalen Besegelung ganz gut und wir genießen die flotte Überfahrt bei Sonne und etwas kalter Luft. Christian erwähnt zwar zwischendurch immer wieder, dass er 22°C gebucht hat aber...

Ich steuere zur Übung die Hafenanfahrt und das Anlegemanöver, damit ich beim nächsten Mal die Prozedur alleine ausführen kann. Wir kommen etwas schief in die Box, aber der Fehler lässt sich korrigieren und die Lone Star ist wieder daheim.

 

 

 

 

Nach dem Anleger verteilen sich die Crewmitglieder. Sabine und Christian gehen zum Einkaufen und bringen für den Kaffee 7 große, frische Windbeutel mit. Daraufhin benennen wir den Törn um: Statt Spinnaker-Training heißt es jetzt Windbeutel-Training!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dabei entwickeln wir kurzzeitig die Idee, heute vielleicht noch einmal hinauszufahren, aber dann verhindert dies der Skipper, in dem er beginnt, für das Abendessen Spaghetti a la Lone Star zu kochen. Der Rest der Mannschaft kann noch einen Spaziergang machen.

Gerhard und Heinrich verschwinden in die eine Richtung, Sabine, Christian und ich gehen zum Strand und sehen nach, ob das Meer noch da ist. Die Abendstimmung und das rötliche Licht reizen zum Fotografieren der vielen Kalenderhäuschen am Wasser.

Der Skipper hat zur Rückkehr um 19:00h gemahnt. Auf halben Weg kommt von ihm ein Anruf, in dem er fragt, wo denn die Tomatensoße gebunkert ist. Als wir zurückkommen ist trotzdem alles perfekt und die Spaghetti a la Lone Star (nach diesem Rezept wird nur vom Skipper und nur auf der LONE STAR gekocht) schmecken uns vorzüglich. Dazu werden Parmesan und kühler Rose gereicht.

Heinrich wäscht ab. Im Kochtopf ist noch etwas Soße übrig, die Heinrich vor Christian und mir hinstellt und im üblich grimmigen „Heinrichton“ befielt: „Saubermachen!“ Mit Parmesankäse verlängert, ist es ein köstlicher Nachtisch.

 

 

Zur Vorbereitung auf den morgigen Segeltag mit Spinnaker – Wo ist der Spinnaker eigentlich überhaupt? – muss dieser geordnet in den Sack gestopft werden. Hierfür hat Christian einen großen OBI-Eimer mitgebracht, dessen Boden herausgeschnitten ist. Über diesen Eimer werden jetzt 20 Schnipsgummis in geordneter Weise gespannt und der Segelhals durch diesen Eimer gezogen. Während des Durchziehens des ganzen Segels wird immer wieder ein Gummi mitgezogen, der dann das Tuch zu einer Wurst zusammenhält.

Bei der ganzen Prozedur muss darauf geachtet werden, dass die Seiten des Segels nicht verdreht werden. Ist das ganze Segel durchgezogen, muß es rückwärts wieder in den Sack gelegt werden. Immer schön die Seiten trennen!

Als wir gemütlich zusammensitzen und von Spinnakern träumen, packt Andreas ein Säckchen aus mit einem Spiel „Trimino“. Das ist eine dreieckige Variante von Domino und spielt sich viel interessanter. Das Spiel lässt uns bis spät in der Nacht nicht mehr los.

 

 

Freitag

Heiligenhafen – Großenbrode – Heiligenhafen 26.05.06 7:00h

 

Zu guter Letzt ist Gerhard heute schuld.

Erwartungsvoll wird heute etwas früher gefrühstückt als an den anderen Tagen.

Der Wetterbericht um 7:45h von DP07 sagt aus, dass für die westliche Ostsee bis Fehmarn eine Wetterwarnung mit Böen bis 7 Beaufort gemeldet ist. Ansonsten 4 bis 5 und in Böen 6, am Nachmittag abschwächend.

Der Nachmittag bringt wohl die richtigen Bedingungen für unsere Praxisübungen. Die Sonne scheint und es ist ideales Segelwetter. Um 9:00h sind wir alle voller Erwartung soweit, dass wir auslaufen können.

Wir wollen in die Lübecker Bucht fahren, weil dort der Seegang bei Westwind schwach sein und der Wind durch die Landabdeckung weniger sein muss. Wir fahren bei schönstem Wetter durch die Fehmarnsundbrücke. Heinrich geht es heute morgen nicht so gut und er macht noch ein Beruhigungsnickerchen in der Sonne.

 

 

 

 

Am Ende des Fahrwassers luven wir an, um noch etwas Höhe zu gewinnen, die wir für den Vorwindkurs brauchen. Der Wind ist etwas böig mit 4-5 manchmal 6 Beaufort und so recht überzeugt davon, dass wir den Spinnaker jetzt setzen werden, ist vor allen Dingen der Skipper nicht.

 

 

Dann aber kommt der beherzte Ausruf unseres Trainers: „Also dann packmers!“

Abfallen auf Halbwind, damit das Setzen vorbereitet werden kann. Wir nehmen die Creweinteilung vor, wie wir es in der Theorie geübt haben: Andreas im Bugkorb, Lutz und Heinrich an Spi-Baum und Lift (Topnant) oder Fall. Sabine und Gerhard achtern an den Schoten und Thomas an Ruder und Großschot.

Andreas bekommt den Spi-Sack nach vorne und pickt diesen fest.

Das Spi-Fall und die Luv- und Lee-Schot werden angeschlagen. Wichtig: um das Vorstag herum!

Die Mannschaft an den Schoten kümmert sich um die rote Powerschot, die blaue Leeschot und den gelben Niederholer.

Dann wird der Luv-Spibaum mit dem Lift nach oben gezogen und am Mast angeschlagen. Am anderen Ende wird die Powerschot beim LUV-Schothorn in den Spibaum eingehängt. Wichtig ist hier die richtige Richtung: Der Kunststoffring zeigt zum Bug hin. Die Schoten werden soweit dichtgeholt, dass die Lose heraus ist.

Jetzt wird auf Vorwindkurs abgefallen.

Der Spinnaker wird mit voller Geschwindigkeit hinter der Fock aufgeheißt, damit er oben ist, bevor er aufgeht. Der Spi bleibt auch zunächst hinter der Fock hängen aber die nächste Böe fängt sich im Windbeutel und sprengt die Schnippsgummis auf.

Die Schoten werden nun dichtgeholt. Auf der Luv-Seite wird der Spi-Baum mit der Powerschot nun achterlicher geholt. Dabei muss der Niederholer gleichzeitig aufgefiert werden. Vorsicht: In der Powerschot ist auch wirklich Power drin!

Jetzt sollte der Spi – Whopp – stehen.

 

 

Soweit zur Theorie. In der Praxis haben wir die Leeschot nicht dicht genug geholt und der Spi vertörnt sich einmal beim aufheißen. Trotz mehreren Versuchen lässt er sich nicht mehr zurückdrehen. Aber ist oben. Bei etwa 5, in Böen 6 Windstärken.

Ich habe am Ruder ziemlich zu tun, auf die Böen und den herumschwankenden Spi zu reagieren. Das Schiff geigt ziemlich, aber dieses mal nicht aufgrund des Seegangs, sondern durch den Zug des Spis. Ziemlich platt vor dem Wind gilt es, die Patenthalse zu vermeiden!

Trotz des vertörnten Spis zeigt die Logge 8,2 Knoten an. Das ganze wird uns etwas unheimlich und Christian leitet das Bergen ein:

Die Luv-Schot auffieren, bis der Spibaum nach vorne zeigt und den Niederholer dichtholen. Bei viel Wind wie heute die Luv-Schot aus dem Schothorn ausklinken. Dabei nicht die Powerschot vom Spibaum lösen, weil sie dann eventuell mit dem Spi herumschleudert!

Ausserdem beim Auslösen auf den Spi-Baum achten!

Der Spinnaker weht nach vorne aus. Nun kann er am Leeschothorn hinter der Fock eingeholt werden. Das Fall langsam auffieren, damit das Segel nicht ins Wasser gelangt und dort eine Blase bildet, die man nicht mehr bergen kann.

Der Spi-Baum wird wieder abgeschlagen und aufgeräumt.

Wir atmen alle auf, als das Segel wieder im Sack ist. Alle sind nassgeschwitzt vor Aufregung, aber doch irgendwie glücklich, dass wir es probiert haben. Das Manöver lief auch nicht so ganz lautlos ab und man konnte nicht mehr unterscheiden, ob der Wind lauter pfeift oder die Kommandos den Wind erzeugt haben. Auf jeden Fall jedoch ist ganz dringend eine Wiederholung des Ganzen nötig, denn erstens stand der Spi gar nicht und zweitens hat keiner von uns ein Beweisfoto gemacht. Übrigens ist Gerhard heute schuld!

Wir wollen das Abnehmen des Windes in Großenbrode abwarten und kreuzen in etwa 3 Schlägen dort hin. Im Werfthafen finden wir einen einzigen Platz mit grüner Plakette und Christian steuert direkt diese Box an. Leider bleiben wir aber wegen Überbreite an den Pollern hängen und müssen wieder zurück. Wir suchen weiter als uns jemand, der gerade auslaufen will, seine Box zur Verfügung stellt. Bis er draußen ist kreisen wir im Hafenbecken herum, bis schon eine Furche im Wasser ist.

 

 

Kaum festgemacht, begibt sich Gerhard – er ist der große Brötchenholer – gleich auf die Suche nach einer Bäckerei weil wir für die Nürnberger Bratwürste eine Verpackung benötigen. Der Spinnaker wird wieder lagerichtig in den Sack gepackt. Dabei stellen wir fest, dass das Tuch einen Riss hat, den wir mit Tape gleich reparieren.

Heinrich hat heute Backschaft und brutzelt die Nürnberger, die dann als 3 in am Weckla serviert werden. Da der Senf nicht ausreicht, werden kulinarische Grausamkeiten begangen: Weißwurstsenf oder Ketchup auf die Nürnberger...

Nach dem Essen werden alle etwas kribbelig, denn der Wind hat planmäßig etwas nachgelassen und die Bedingungen scheinen jetzt optimal für einen weiteren Versuch. Wieder aus dem Großenbroder See herausgefahren gehen wir gleich auf Halbwindkurs um das nächste Manöver in fast gleicher Besetzung zu wiederholen.

Der Ablauf ist wieder der gleiche. Obwohl wir dieses mal alles beachtet haben, was vorher falsch lief, ist der Spinnaker wieder vertörnt. Dieses Mal gelingt es Christian aber durch Aushängen der Luvschot den Dreherer wieder zu lösen und dann steht er vor uns in seiner ganzen Pracht in der Nachmittagssonne.

Der Wind hat etwa 3-4 Beaufort und wir gleiten mit dahin mit 6,5 Knoten. Wir sind stolz, dass der „Whopper“ oben ist, und genießen den Anblick, da reißt uns das Kommando „Shiften“ aus den Gedanken.

 

 

Zum Shiften muss zunächst die Fock geborgen werden. Dann wird der zweite Spibaum angeschlagen und die Lee Powerschot in den Spinnakerbaum eingehakt und etwas dichter geholt.

Dann wird die Halse mit dem Großsegel gefahren und der Spinnakerbaum auf der neuen Leeseite ausgehakt.

Die neue Luv-Powerschot wird dichtgeholt und die Halse ist komplett. Nur noch den Lee-Spi-Baum abnehmen und aufräumen.

Eigentlich alles ganz einfach. In voller Euphorie lichten wir den Spinnaker mit den Fotoapparaten ab und müssen ihn aber gleich wieder niederholen, weil wir ja wieder zurück nach Heiligenhafen wollen und wir gerade Kurs auf Wismar haben.

Die Fock wird gesetzt. Platt vor dem Wind wird die Luv-Powerschot aufgefiert, bis der Baum an der Vorstag ist. Die Schot vom Spi lösen, Spi weht aus, Spi an der Leeschot niederholen, dabei das Fall dosiert auffieren. Aber das hatten wir ja schon einmal...

Nach zwei Schlägen hoch am Wind fahren wir das gleiche Manöver nun mit dem Parasailer, der etwas einfacher funktioniert, da er mit einem Schlauch versehen ist. Er wird erst mit dem Schlauch hochgezogen und danach aus seinem Kleid geholt, das mit einer Liftleine zur Mastspitze angehoben wird.

Sonst wird alles genauso gefahren wie bei dem klassischen Spinnaker. Der Parasailer steht super und zieht uns mit 7,2 Knoten gen Osten. Der Trainer will „die 8 vor dem Komma und wenn wir bis nach Polen segeln müssen!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Höhepunkt der Segelwoche ist zum perfekten Zeitpunkt da und der schöne Anblick beflügelt uns. Trotz der Begeisterung müssen wir den Lappen wieder einpacken und hoch am Wind die Fehmarnsundtonne ansteuern.

Über Lübeck und im Westen sammeln sich Wolken und wir bekommen die letzten Sonnenstrahlen während der Durchfahrt durch die Brücke ab. Heinrich ist am Steuer und lässt sich nicht davon abbringen, obwohl er während der Fahrt telefonieren muss.

Vor dem Anlegen in unserer Box wäre das Tanken gekommen, jedoch liegt an der Tankstelle ein Motorboot, das wohl ein Loch im Tank zu haben scheint. Wir drehen im Hafenbecken ein paar Warterunden, verlieren dann aber die Geduld, weil bereits der Tisch für das Abendessen reserviert ist, den wir nicht aufgeben wollen. Die Böhmers werden morgen früh tanken.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kurz frischgemacht laufen wir zum Restaurant und sitzen bald mit einem kühlen Duckstein in der Hand am Tisch und prosten uns zu. Die Erleichterung, dass es in dieser Woche doch wenigstens einmal zu einer Praxisübung gekommen ist, ist groß. Wäre doch zu dumm gewesen, wenn es wirklich nur ein Windbeuteltraining geworden wäre und wir den Spinnaker nur im Segelsack hätten fotografieren können.

 

 

 

 

 

 

Wir haben alle unser hellblaues Crew-Shirt angezogen. Heinrich wird vor dem Gruppenfoto noch korrigiert und muss den obersten Knopf von seinem Hemd aufmachen.

Nach ein paar Kurzansprachen und einem großen Dank an die Böhmers, dass sie einen solchen Spinnakertörn organisiert haben, bekommt Christian ein Seemeilensammelbuch, in der Hoffnung, dass er es mit recht vielen Meilen füttern möge (Das Buch gilt natürlich nur auf der Lone Star!). Im Gegenzug erhalten alle Törnteilnehmer vom Trainer eine Teilnahmebescheinigung mit etwas ähnlichem wie: „hat sich sehr bemüht“ und einem originalem Wöhrer-Autogramm.

 

Als Resümee der Woche haben wir einen neuen Negativspruch:

„...das ist, wie wenn Du Spinnakertraining machst und es bläst wie blöd!“

 

26.06.2006 Thomas Baum